Abschied von Queen Elizabeth II

Der Wecker klingelt um 5 Uhr morgens und wir springen erstaunlich wach aus dem Bett. So richtig gut schlafen konnten wir beide nicht, zu groß das kommende Ereignis. Wir wollten ja auch versuchen einen guten Platz zu bekommen und den bekommt man bestimmt nicht, wenn man erst kurz vorher dort erscheint. Die Londoner Polizei hat das alles super organisiert und man muss sich vorher entscheiden wo man stehen will. Alles ist in Zonen eingeteilt und wenn man in die entsprechende Zone gegangen ist, kommt man in keine andere. Es sei denn man geht wieder ganz raus, außen rum und geht in die nächste. Aber da sprechen wir von etlichen Kilometern. Bestimmte U-Bahn Stationen waren nur als Ausstieg zu benutzen – je nach dem in welcher Zone man stehen will, hat man die entsprechende U-Bahn Station und dann wurde man automatisch dorthin geführt. Das ging alles super, ohne Stress, alles super organisiert. Wie immer läuft auch sowas in England sehr gesittet ab. Aber 99% der Menschen sind ja nicht um Krawall zu machen hierher gekommen. Um 6:30 erreichten wir unsere Zone und fanden noch einen guten Platz in der 2. Reihe nahe des Buckingham Palastes. Die 1. Reihe hätte man schon am Vorabend belagern müssen. Vor uns waren müde bis sehr müde Engländer, die seit 23 Uhr schon dort auf Campingstühlen campierten. Nun heisst es auf der Stelle stehen und warten – mindestens 6 Stunden. So langsam füllen sich auch die 3. 4. und 5. Reihe, Bobbys formieren sich vor uns und man entwickelt zu seinen Stehkumpels schon irgendwie eine Beziehung. Uns wird auch mal ein Campingstuhl angeboten oder Bonbons gereicht. Ein paar persönliche Gespräche, wie es unser Englisch grad mal so her gibt. Wir hatten uns Sandwichs gemacht und was zum trinken mitgenommen, haben es aber vorgezogen so gut wie gar nichts zu trinken. Es waren zwar überall Toiletten aufgestellt worden, aber den Platz wollten wir irgendwie auch nicht verlassen. Wer weiß, ob man den wieder bekommt. Wobei ich im Nachhinein glaube, dass uns die Engländer, ohne zu murren, wieder dorthin gelassen hätten.
Dann kam eine Ladung Soldaten der AirForce anmaschiert und brachten sich, mit lautstarkem Gebrüll vom Kommandeur, an den Seiten in Stellung. Alle im gleichen Abstand, dafür sorgte eine Offizierin, ebenfalls sehr energisch, die zur Ausrichtung an ihnen vorbei maschierte. Es sind erstaunlich viele Frauen in der englischen Army anzutreffen, auch bei den Bobbys.
Dann brüllte der Kommandeur für mich unverständliches Zeug. Die AirForce Soldaten packten ihre MPs im Gleichtakt, zielten auf ihr Gegenüber, senkten die Waffe wieder und neigten ihren Kopf in Trauerstellung und blieben so. Das war der 1. Moment wo wir beide in Tränen hätten ausbrechen können.
Was so in der Zwischenzeit erfolgte, verfolgten wir über unser Handy oder das des Nachbarns, damit man irgendwie mitbekam, was grad in Westminster stattfand. Dann begann der Gottesdienst und wir konnten über Lautsprecher alles mit anhören. Die Chöre, die Musik und die Reden. Jetzt blieben viele Augen nicht mehr trocken – auch meine nicht. Die beiden Schweigeminuten im Anschluß waren echte Schweigeminuten. In der Metropole London war nur noch das Brummen von irgendwas zu hören und keiner gab einen Muks von sich. Alle, wirklich alle, standen mit gesenktem Kopf und schwiegen. London stand für 2 Minuten still. Selbst die ewig kreisenden Hubschrauber waren für die Zeit verschwunden.
Dann zog ein nicht enden wollender Strom von Soldaten, Menschen und Pferden im Gleichschritt an uns vorbei, bis dann endlich die Matrosen mit der Queen an uns vorbei zogen.
Was für eine unglaubliche Ehrung für nur einen einzigen Menschen. Das macht der Queen so schnell keiner nach.

Als wir während des langen Trauerzugs nach dem prächtigem Sarg der Queen das erste royale Familienmitglied sahen (Charles), war das schon ein wenig ergreifend. Man sieht sie ja sonst nur auf Bildern oder im Fernsehen. Aber dann kam sofort der zweite Gedanke, es sind auch keine anderen Menschen als wir es sind. Sie haben nur andere Aufgaben. Charles sah müde aus und wie ein 73- jähriger Mann, mit nicht mehr ganz aufrechtem Gang. Seine Söhne waren hinter ihm und auch wenn sie viele Menschen gewohnt sind, war dieser kilometerlange Marsch an den vielen Menschen vorbei nicht einfach. Sie erledigen ihre Aufgaben. Genau wie jeder andere Mensch das auch tut. Es sind Menschen wie wir, mit Familie, Streit, Versöhnung und all den Dingen, die auch wir machen. Nur stehen sie so gut wie immer unter Beobachtung. Wir möchten unser Leben nicht mit so einem Leben tauschen.
Die Menschenmengen lösen sich danach langsam auf. Im Internet stand, man soll nicht sofort zu U-Bahn strömen, weil alles sehr voll sein wird. Also machten wir langsam und Heide meinte, dass sie sich noch mal im Green Park das Blumenmeer ansehen will. Oh nein, dann fange ich ja wieder an zu heulen. Aber wir gehen noch mal dort hin, dann eben mit Tränen in den Augen. Es ist eben so! Ich leugne es nicht, ich bin traurig!
So viele Menschen haben der Queen Blumen hierher gelegt, so viele Kinder haben für die Queen was gebastelt, gestrickte Teddys oder Paddingtons, Bilder von der Queen gemalt, Kunstwerke für sie gemacht oder offene Briefe geschrieben. Mehr als ein riesiges Fußballfeld damit prall gefüllt. So groß das es keiner schafft sich alles anzusehen. So was haben wir noch nie erlebt und gesehen und alles rührt an einem.
Wir schleppen uns dann zur U-Bahn, die erstaunlich leer ist und fahren zurück zum Campingplatz. Den Rest der Trauerfeier (Windsor) verfolgen wir im Womo auf dem Fernseher. Das gleiche Drama wühlt einen noch mal auf. Dann ist endlich alles vorbei. God save the Queen

Ein Kommentar

  1. Danke für den schönen und ehrlichen Bericht.

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